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o.T. (TT)

(…) Sie sehen also: Die Ausstellung zwingt unseren Blick allenthalben nach unten – bis

hin zum Kniefall, der nötig wird, um das Gemeinte nachvollziehen zu können: wie in dem

Arrangement von Kati Liebert, das uns in ein Verhältnis von Distanz und Nähe einbindet.

Seit einiger Zeit nämlich wird im Kunstbetrieb die Rückkehr des Ornaments beobachtet.

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts als Verbrechen denunziert, erfährt es zu Beginn des

neuen eine unerwartete Rehabilitation. Auch Kati Lieberts Arbeit ist eingebunden in eine

Theorie des Ornaments, die sich bewusst in die Tradition dieser Wiederaufnahmen stellt.

Sie verwendet das idealtypische Material für flächendeckende Maßnahmen: Fliesen, zu

einem exakten Bodenraster ausgebreitet. Die Art der Anordnung und die Platzierung

im Raum weisen die Auslegware als Fragment eines größeren Ganzen aus: prinzipiell

unabgeschlossen, ausbaufähig, mit Expansionspotenzial. Doch geht es bei Kati Lieberts

Fliesen-Teppich nicht allein um den Rapport von Details zu einem Gesamtgebilde. Das

formale Modul dient als Trägermaterial für einen spezifischen Inhalt: für den Tanz.

Bildersammlerin die sie ist, hat sie aus ihrem Fundus entsprechende Motive ausgewählt, zu

einem kleinformatigen symmetrischen Ornament kombiniert und dieses als Illustration

auf jedes Kachelquadrat appliziert. Das Thema des Tanzes, eine Konventionsform sozialer

Interaktion, eines emotionalisierten Bewegungsmusters, das ein Repertoire von Mobilitäts-

elementen einem regulierten Ablaufschema unterwirft, also eine Art bewegter Stillstand

ist, kontrastiert mit der Festgelegtheit des Gesamtarrangements, bei dem nichts aus der

Reihe tanzt. (…)

Dr.Harald Kimpel

(in seienr Einführung zur Eröffnung der Ausstellung HORIZONTAL, 2012, Kassel)